Norderneyer Ehepaar engagiert sich für Kapverden

Lebensmittelausgabe auf Boa Vista.

Norderney/Boa Vista/BD – Ein „schöner Ausblick“ zu sein, hilft in Zeiten des weltweiten Problems Covid-19 wenig. Diese Erfahrung macht Boa Vista (auf deutsch „Schöner Ausblick“), die drittgrößte Insel der Kapverdischen vor der Westküste Afrikas, ein Surf- und Kiteparadies im Nordwestpassat. Ähnlich und gleichzeitig nicht annähernd dürfte es Norderney gehen beziehungsweise gegangen sein: Boa Vista lebt in größter Abhängigkeit vom Tourismus. Wie auch Norderney. Der Unterschied: Die Bevölkerung ist bettelarm. Und deshalb ist der frühere Insel-Bürgermeister Klaus-Rüdiger Aldegarmann ziemlich genervt vom Jammern auf hohem Niveau, das hier stattfindet. Er und seine Frau Marlis besuchten mehrfach Boa Vista, lernten Menschen und Gegebenheit dort kennen und sahen selbst, wo Hilfe notwendig ist.

„Von den Nachbarinseln kommen Menschen, um auf Boa Vista in den Hotels zu arbeiten, um Geld nach Hause schicken zu können, oder hier eine gute Ausbildung zu bekommen“, sagt Aldegarmann. Seine Frau ergänzt: „Der Durchschnittsverdienst liegt bei 200 Euro. Selbst der der Manager.“ Das „Fußvolk“ verdiene weniger auf der von Dürre geplagten Insel, auf der es vor dem Tourismus Viehzucht, aber keinen Ackerbau gab.

Vermutet wird, dass englische Urlauber Covid-19 nach Boa Vista brachten. Alle Hotelmitarbeiter wurden unter Quarantäne gestellt und getestet, aber vor dem Ergebnis wieder nach Hause entlassen. „Damit begann die Katastrophe“, sagt Marlis Aldegarmann. Boa Vista wurde dichtgemacht und von jetzt auf gleich stand der Großteil der Bevölkerung vor dem Nichts und im wahrsten Sinne vor einer Hungersnot. Kein Gehalt, weil es dort keine „soziale Hängematte“ (Klaus-Rüdiger Aldegarmann) gibt und damit weder Essen, Strom noch Trinkwasser, das dort über Meerwasserentsalzungsanlagen gewonnen werden muss. Und auch kein Geld für die Familien der Angestellten, die zum Teil auf anderen Inseln der Kapverden leben. „Höher oder Festangestellte bekommen auf Boa Vista noch 70 Prozent ihres Gehaltes, einfache Arbeitskräfte nichts. Ihnen wurde gekündigt, ihnen fehlte neben dem Geld für den Strom in ihren Baracken Essen und Trinken“, wissen Aldegarmanns. Um Hilfe zu bitten, kommt für das stolze Volk nicht infrage, dabei sind viele von ihnen auf Zuwendungen angewiesen. Hier packt www.help-for-boavista.com (Butzbach/Hessen) an und auch die Associação ACUB. Auf beide wurde das Norderneyer Ehepaar aufmerksam, nachdem sie angefangen hatte, den afrikanischen Inselstaat Kapverden zu entdecken, der seit 1975 unabhängig ist und sich vorher in portugiesischer Hand befand. Leere Kassen, Dürre und damit einhergehend eine hohe Erwerbslosenquote stellten die Inseln vor eine große Herausforderung.

Entwicklungshilfsorganisationen unterstützten das Land bei seinem Aufbau. Bildung gilt in armen Ländern als Schlüssel zur künftigen Entwicklung. Oft sind es dabei die ländlichen Bereiche, wo es wenig Möglichkeiten dafür gibt. Daher setzte sich der hessische Verein des Ehepaares Carmen und Andreas Stengel für den Schulbau ein und suchte jemanden auf der Insel, dem sie vertrauen konnten und fanden Birte, die auf der Insel verheiratet ist. Nach oder neben Schulbauten, Sanierung eines Kindergartens, folgten Projekte wie „Tag der Windel“, Ultraschalluntersuchungen für Schwangere, Organisation von Medikamenten, Schulmaterialien, Computern, Rollstühlen, Kinderwagen und weiteren medizinischen Geräten.

Während der Pandemie wurde deutlich, dass jetzt vor allem Lebensmittel benötigt wurden. Deshalb konzentrierte sich der Verein darauf, Nahrungsmittel zu beschaffen und zu verteilen. Dazu mussten laut Aldegarmanns weitere Personen gefunden werden, die verlässlich helfen. In einem armen Land sei die Versuchung der Helfenden groß, etwas für sich abzuzweigen. Suppenküchen wurden im Freien am Straßenrand eingerichtet und Listen angefertigt, auf denen Namen von Menschen stehen, die Hilfe benötigen – auch an abgelegenen Orten. Akribisch nach Liste wird laut der Vereinsberichte verteilt. Nach einer Auslieferung schreibt Birte: „Während wir nach Hause gehen, frage ich mich, wie viele von diesen Menschen wir ausfindig machen werden, die ganz still jeden Tag bestreiten, auch wenn es noch so schwierig ist. Ich hoffe, wir können viele dieser Menschen ausfindig machen, denn leider ist es hier so, dass man nach den wirklich schlimmen Fällen suchen muss, weil sie sich selten von alleine melden, um Hilfe zu bekommen.“

Die Kombination zwischen einem deutschen Verein hier, persönlichen Besuchen auf Boa Vista und einer Ehrenamtlichen auf der Insel, die sich mit Herzblut für ihre Mitbürger einsetzt, überzeugte Aldegarmanns, sich auf Norderney ebenfalls für den Verein starkzumachen, „weil es vergleichbare Strukturen sind“. Der pensionierte Lehrer weiter: „Uns geht es hier trotz allem verdammt gut. Dort geht es ums nackte Überleben!“ Sein Traum: Solidarität zu zeigen unter dem Motto „Norderney hilft Boa Vista“.

Knapp über 3000 Euro sammelte das Ehepaar bisher ein. „Die sind schon überwiesen. Das Geld reicht, um bis Mitte oder Ende Januar drei Mal die Woche Suppe zu kochen“, sagt der Alt-Bürgermeister.

Der Verein ist im Internet unter www.help-for-boavist.com zu finden, wo es Berichte über die Aktionen und die Kontoverbindung gibt. Telefonisch kann der Verein unter der Nummer 06033/ 796618 sowie per E-Mail über info@help-for-boavista.com erreicht werden.